Bruce Springsteen – We shall overcome – The Seeger Sessions

Wenn heute jemand nach Bruce Springsteen gefragt wird, assoziieren ihn die meisten mit klassischem amerikanischem Rock. Die hervorragenden Alben “Born to run” und “Born in the U.S.” werden allem voran genannt. Das Springsteen im Laufe der letzten 33 Jahre auch immer wieder folkige Songwriter-Alben hervorbrachte, ist vom Klassiker “Nebraska” abgesehen, deutlicher weniger in der allgemeinen Wahrnehmung verankert. In der Tradition von “Nebraska” erschienen zuletzt “The ghost of Tom Joad”, und im Jahr 2005 das hervorragende “Devils & dust”. Diese Alben zeigten Bruce Springsteens Folk-Seite. Obwohl er bereits ein Fan der Folk-Musik war, änderte sich seine Sicht dieser Singer & Songwriter Musik-Richtung im Jahr 1997 noch einmal, als er den Traditional “We shall overcome” zur Zusammenstellung “Where have all the flowers gone: The Songs of Pete Seeger” beisteuern sollte. Zur Vorbereitung auf diese Aufnahme, beschäftigte sich Springsteen einige Tage eingehend mit der Musik dieser Legende der Folk-Musik und der linken Protest-Bewegung der 50er und 60er Jahre. Dabei wurde er schnell in den Bann dieser ausdrucksstarken und, trotz ihrer akustischen Ruhe, kraftvollen Songs gezogen. Um dieses Gefühl auch für seine Interpretation der Klassiker einzufangen, suchte er sich ein paar der besten Roots-Musiker zusammen. Gemeinsam mit diesen, nahm er dann in drei Tagen die Songs auf, die nun auf dieser Veröffentlichung zu hören sind.
1. Old Dan Tucker
Der Eröffnungstrack ist ein typisches uptempo Square Dance Lied, das stark
in Richtung Country tendiert. Durch den schnellen gezupften Banjo-Rhytmus und
den mehrstimmig gesungenen Refrain, wird eine fröhliche Tanzlaune vermittelt.
2. Jesse James
Die Glorifizierung von Gesetzlosen wie Jesse James als Kämpfer gegen das
System hat lange Tradition im Folk. Dieser Song wurde unmittelbar nach der Ermordung
James’ geschrieben, und wurde 1939 von der amerikanischen Folk-Legende
Woody Guthrie berühmt gemacht. Bruce Springteens Arrangement für den
Song wird etwas schneller gespielt, und in den Bridges zwischen den Strophen
von Bläsern getragen, was dem Lied zusätzliche Tiefe verleiht.
3. Mrs. McGrath
Ruhiger geht es dann mit “Mrs. McGrath” weiter, dass durch die in
den Vordergrund gerückten Geigen im Refrain seiner irischen Abstammung
gerecht wird. Dadurch erhält es einen keltischen Touch und fängt gleichzeitig
die kühle und traurige Stimmung ein, die der Anti-Kriegstext vermitteln
soll.
4. O Mary don’t you
weep
“O Mary don’t you weep” ist einer der wichtigsten Spirituals
der Afroamerikaner, der gerade während der Protestbewegung der Schwarzen
in den fünfziger Jahren an Wert gewann. Die Gospel-Einflüsse sind
im Refrain sehr offensichtlich, und geben dem Song eine harmonische Dynamik.
Springsteens raue und tiefe Stimme passt in den Strophen wunderbar dazu.
5. John Henry
“John Henry” ist einer der stärksten Songs des Albums. Er erzählt
die wahre Geschichte des Schienenarbeiters John Henry, der an der Herausforderung
zusammenbricht, seinen Job schneller und besser zu machen als die Maschine,
die ihn ersetzen soll. Das kraftvolle Arrangements und Springsteens noch kräftigere
Stimmung passen perfekt zu diesem Thema eines Kampfes zwischen Mann und Maschine.
Ein Folk-Rock-Song, der zum mitsingen, tanzen und klatschen anregt.
6. Erie Canal
Der Erie Canal war der erste Kanal, der die großen Seen an der Grenze
zwischen den USA und Kanada mit dem Atlantik verbanden. Der Folk-Song “Low
bridge, everybody down” von Thomas S. Allen dient dieser Version als Grundlage,
und erzählt von den Tagen, als der Kanal noch die einzige Verbindung zwischen
den Seen und dem Meer darstellte, und dementsprechend stark genutzt wurde. Die
Nostalgie, die dieses Lied trägt, wird durch das neue Arrangement wunderbar
musikalisch umgesetzt. Den Höhepunkt stellt der im Chor gesungene Refrain
dar, der, wie bei den meisten Folk-Songs üblich, sehr einprägsam ist.
7. Jacob’s ladder
Der zweite Spiritual des Albums wurde mehrfach verändert, um an aktuelle
Geschehnisse angepasst zu werden. Diese Version wurde in den 40er Jahren von
Pete Seeger mit einem neuen Refrain versehen. Das Lied beruht auf der Bibelstelle
Genesis 28:11-19. Auffällig an der musikalischen Umsetzung von Springsteen
sind die Bläser, die dem ganzen in den Bridges einen Hauch von New Orleans-Jazz
verleihen.
8. My Oklahoma home
Die Dust Bowl Ballads machten viele Folk-Sänger berühmt. Allen voran
war Woddy Guthrie für seine “Songs from the Dust Bowl” berühmt.
Dust Bowl war die Bezeichnung für eine Reihe von schwere Wirbelstürmen,
die in Mittelamerika zahllose Farmbetriebe und Häuser schlichtweg weggeblasen
haben. Um dieses Thema geht es auch in “My Oklahoma home”. Getragen
wird der Song von Banjo und Geige. Über die Länge von knapp sechs
Minuten, wirkt der Song allerdings teilweise etwas zu monoton.
9. Eyes on the prize
Die Ballade “Gospel blow” wurde 1956 von Alice Wine so umgeschrieben,
dass “Eyes on the prize” entstand, ein weiterer Song der Protestbewegung
50er und 60er Jahre. Diese Version ist sehr simpel arrangiert, und konzentriert
sich mehr auf den ruhigen Gesang von Bruce und den Gospel-Ähnlichen Background-Gesang.
10. Shenandoah
Dieses Heimweh-Klagelied hat seinen Ursprung bei den amerikanischen Pionieren
Anfang des 19.Jahrhunderts. Die Melancholie des Textes wird durch die sehr langsame
und ruhige Musik und den Background-Chor untermalt.
11. Pay me my money down
“Pay me my money down” ist ein weiteres Uptempo-Highlight des Albums.
Durch die sehr eingängige, mehrstimmig gesungenen Hook, geht das Lied sofort
ins Ohr, und der schnelle Beat lädt zum tanzen ein.
Der Song ist ein Protestsong der Hafenarbeiter, die oftmals von Schiffskapitänen
nicht für ihre Be-, oder Entladearbeiten bezahlt wurden.
12. We shall overcome
Der Song, der von Bruce Springsteen 1997 als Teil des Pete Seeger Tribute-Albums
“Where have all the flowers gone” eingesungen wurde, ist wohl der
berühmteste Protestsong aller Zeiten. Diese Version wird deutlich ruhiger
und langsamer vorgetragen, als es bei den meisten anderen berühmten Versionen
üblich ist. Dadurch gehen die Kraft und die Dynamik des Songs teilweise
ein wenig verloren.
13. Froggie went a courtin’
Dieses Lied könnte das älteste des Albums sein. Die älteste Version,
auf die es zurückgeführt werden konnte, stammt aus Schottland aus
dem Jahr 1549. Durch die im Vordergrund stehenden Banjo und Geigen, erhält
der Song in diesem Arrangement einen starken Country-touch.
DVD Bonus-Tracks:
14. Buffalo gals
“Buffalo gals” geht wahrscheinlich auf frühere Minstrel Shows
in den USA zurück. In dieser Version ist es sehr schnell arrangiert, und
teilweise entsteht durch die vielen Instrumente und Gesänge ein dichtes
Klanggewebe, das allerdings nicht überladen klingt.
15. How can I keep from
singing
Das Traditional “How can I keep from singing” wird hier von einem
Chor gesungen, in den sich Bruce Springsteen einreiht. Musikalisch wird der
Gesang lediglich von einer Orgel untermalt.
Bei “We shall overcome” handelt es sich um eine Live-Aufnahme. Das bedeutet, die Songs wurden nicht zunächst arrangiert und ausführlich geprobt, um dann im Studio in so vielen Takes, wie es für eine perfekte Aufnahme eben nötig ist, aufgenommen zu werden, sondern sie wurden ohne Proben und multiple Takes einfach spontan und in Echtzeit aufgenommen. So kommt es vor, dass man Bruce auf dem ein oder anderen Song Anweisungen rufen hört, beispielsweise einen bestimmten Ton lauter zu spielen, oder Aufforderungen an bestimmte Instrumente mit einem Solo einzusetzen. Auf diese Weise bekommt der Hörer, laut Springsteen, nicht einfach nur die Musik zu hören, sondern er ist dabei, wenn die Musik entsteht! Gleichzeitig spricht ein solches Ausnahmeverfahren natürlich auch für die Professionalität der hier beteiligten Musiker, die alle einen fantastischen Job abliefern.
Über die Texte der auf diesem Album vertretenen Songs, muss nicht viel gesagt werden. Alle Texte sind traditionelle Songs, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen und politischen Aussagekraft fest in der amerikanischen Geschichte verankert sind. Zu Besprechen sind eigentlich nur die neuen Arrangements. Bei der Wahl der Musiker konzentrierte sich Bruce Springsteen auf Roots-Instrumente. Also die Instrumente, die schon seit der Kolonialzeit zu den Standart-Instrumenten amerikanischer Musiker zählen: Die akustische Gitarre, die Geige, Banjo, Mandoline, ein reduziertes Schlagzeug, Percussions, Kontrabass, Akkordeon, Orgel und Bläser. Durch diese Vielfalt an Instrumenten klingen die Songs natürlich nicht mehr wie einfache Folk-Songs im Stil von Pete Seeger, dem Namensgeber der Sessions, in denen dieses Album entstand. Die Lieder tendieren stattdessen zwischen Folk-Rock und Country hin und her, streckenweise mit Gospel und Jazz Anleihen. So wie die Songs arrangiert sind, schaffen sie es wunderbar, die Gefühle und Aussagen, die durch die Texte vermittelt werden, zu untermalen und zu transportieren. Bruce Springsteens schroffe Stimme passt dabei bemerkenswert gut zu jeder Art von Text.
Etwas irreführend
ist die Beschreibung der Bonus-DVD auf der Hülle. Dort heißt es:
“An exclusive 30-minute film about the recording of the album, artist
commentary, and two bonus track. Filmed Performances of “John Henry”,
“Pay me my money down”, “Buffalo gals”, “Erie
Canal”, “O Mary don’t you weep”, “Shenandoah”.”
Tatsächlich ist es so, dass diese 6 Live-Performances Teil des exklusiven
Films sind, dabei fast die gesamten 30 Minuten des exklusiven Films einnehmen,
und der artist commentary lediglich die ein bis zwei Minuten Pausen zwischen
den Performances ausfüllen. Von einem eigenständigen 30-Minuten Film,
wie die Art der Auflistung vermuten lässt, kann also nicht die Rede sein.
Dennoch ist das Video sehr sehenswert.
Überhaupt ist die DVD ein sehr schöner Bonus. Neben dem 30-Minuten
Video befindet sich auf ihr das komplette Album noch einmal in PCM-Stereo (Also
eine nicht-kompressierte digitale Tonspur), und dazu gibt es außerdem
zwei auf der CD nicht enthaltene Bonus-Tracks.
Fans von Springsteens Rock-Alben werden sich in dieses Album wohl erst einmal etwas einhören müssen. Dank Bruce Springsteens markanter Stimme werden sie sich aber höchstwahrscheinlich ebenfalls mit diesem Album anfreunden können. Für die, die Springsteens Songwriter-Alben, oder ganz allgemein amerikanischen Folk mögen, wird dieses Album wahrscheinlich von Vorne bis Hinten eine Freude sein.
Last Update: 30.04.2006
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