No direction home – Bob Dylan

 

 

Bob Dylan ist unzweifelhaft eine Musik-Legende. Doch obwohl seine Musik allgegenwärtig zu sein scheint, bleibt der Mensch Bob Dylan weiterhin ein kleines Rätsel. Über all die Jahre ist es ihm immer relativ gut gelungen, sein Privatleben privat zu halten. Er schirmt sich von der Außenwelt ab, und versucht lästigen Interviews so weit wie möglich zu entfliehen.
Nach über 40 Jahren erhalten wir nun schon zum zweiten Mal ein paar genauere Informationen über einzelne Phasen seines Lebens. Angefangen mit seiner Autobiografie vor gut einem Jahr, fortgesetzt nun mit dieser Dokumentation von Martin Scorsese. Während sich die Autobiografie „Chronicles Volume 1“ in erster Linie dem Anfang seiner Karriere, der Zeit um 1969 sowie der Entstehung des 1989 erschienenen Albums „Oh mercy“ widmete, konzentriert sich Scorseses Dokumentation ausschließlich auf den Anfang seiner Karriere.

Der Film beginnt, chronologisch korrekt, in Dylans Heimat Hibbing, Minnesota. Bob Dylan selbst beschreibt diese Kleinstadt in den 50er Jahren, und wie er, unmittelbar nachdem er seinen High School Abschluss gemacht hat, nach New York aufgebrochen ist um Musiker zu werden. Auf der Zeit als junger Musiker in New York liegt, wie auch in „Chronicles“, der erste Schwerpunkt. Die Zeit von seiner Entdeckung um 1960 bis zu seinem Motorradunfall 1966, oftmals als die kreativsten Jahre in Dylans Karriere bezeichnet, bilden den zweiten, etwas längeren Teil des Films.
Bob Dylans Entwicklung in den behandelten Jahren wird anhand Erzählungen von Zeitzeugen, Freunden und Vertrauten Dylans, beschrieben. Dylan selbst kommentiert mit Aussagen aus einem Interview aus dem Jahr 2000 (Damals das erste gefilmte Interview seit 20 Jahren) die einzelnen zeitlichen Abschnitte und Ereignisse. Aus den Jahren als Bar-Musiker in New York erzählen beispielsweise Dave van Ronk oder Allen Ginsberg. Über die Jahre Anfang der 60er erzählen unter anderem Joan Baez, Pete Seeger, Al Kooper oder Maria Muldaur, alles selbst Folk-Größen der damaligen Zeit.
Diese Erzählungen der einzelnen Personen werden untermalt mit Bildern und Videomaterial.
Da diese Jahre auch in „Chronicles“ behandelt werden, werden die Leser der Autobiografie das hier Erzählte schon kennen. Dennoch bietet der Film einiges, was den Weg in das Buch nicht fand. Alleine schon aufgrund der unterschiedlichen Erzählperspektiven. Des Weiteren ist der Film aber auch eine sehr gute Ergänzung zum Buch, da man die Personen und Orte, von denen Dylan schreibt, hier auch einmal selbst sehen und hören kann.

Martin Scorsese hatte für diesen Film über 10 Stunden Videomaterial zur Verfügung. Bei seiner Auswahl des Materials für den Film, konzentrierte er sich ganz klar auf das, was Dylans Entwicklung als Musiker dokumentierte. Alles, was darüber hinausging, sei es privates oder Material für die Klatschspalte, wurde weggelassen. Es blieben dreieinhalb Stunden Material, dass den Sänger und Songwriter Bob Dylan eindrucksvoll dokumentiert. Die Musiker, die ihn inspirierten und beeinflussten werden beleuchtet, allen voran natürlich sein Idol Woody Guthrie. Es wird dargestellt, wie die Öffentlichkeit auf ihn reagierte. Die Überwältigung und Faszination seiner Texte zu Anfang, und die Enttäuschung und die Verachtung später, als er mit elektrischer Gitarre und Band auftrat, und damit dem „echten, reinen Folk“ eine Absage erteilte. Sehr ausführlich wird sich mit Dylans Rolle in der Protestbewegung der 60er Jahre beschäftigt. Bob Dylan wurde durch seine zeitgenössischen Texte schnell zu einem Führer dieser Bewegung geredet und geschrieben, obwohl er selbst damit eigentlich gar nichts am Hut hatte, und nicht einmal an einem Protest teilnahm. Da er auch heute noch als der Vorzeige-Rebell und Hippie der 60er Jahre gilt, ist dieser Teil der Dokumentation sehr wichtig, und bestimmt für viele auch erleuchtend, oder natürlich enttäuschend.

Was sich über die komplette Entwicklung immer wieder zeigt, sei es durch Interviews mit Dylan aus der Zeit, oder durch die Erzählungen von Freunden, ist das Bob Dylan immer nur das gemacht hat, was er wollte, und was er für richtig hielt. Er war nie Teil einer Bewegung, und er war nie Teil einer Gruppe oder gar Masse. Er war immer nur der Folk-Musiker Bob Dylan der über das schrieb und sang, was er fühlte, und was ihn kümmerte. Das ist vielleicht das Wichtigste, was Bob Dylan in dieser Zeit ausmachte, und das ist es, was der Film eindrucksvoll darstellt.

„No direction home“ ist die erste wirklich brauchbare Dokumentation über Bob Dylan. Noch nie zuvor gab es einen so ausführlichen Film über seine Entwicklung als junger Musiker, der vor allem komplett auf Aussagen von Dylan selbst und ihm nahe stehenden Personen beruht. Die Informationen kommen aus erster Hand, und auf Gerüchte und Vermutungen wird dadurch komplett verzichtet. Dafür sorgte nicht zuletzt Bob Dylan persönlich, der an der Entstehung der Dokumentation direkt beteiligt war.

Das aus zwei DVDs bestehende Set bietet, neben der Dokumentation, acht komplette Live-Songs in, in anbetracht des Alters der Aufnahmen, sehr guter Bild- und Klangqualität, sowie vier Live-Songs mit Gesangspartnern. Dazu gibt es einen nicht verwendeten Promotion-Spot für die Single „Positively 4th street“. Die Live-Sequenzen, die während der Dokumentation immer wieder eingespielt werden, sind außerdem vom Hauptmenü aus auch direkt anwählbar.
Die Audiospur ist englisch in 5.1 Dolby-Digital Kodierung, was gerade die Live-Szenen noch besser zur Geltung bringt. Als Untertitel sind neben deutsch und englisch noch 22 weitere Sprachen verfügbar.
Insgesamt überzeugt „No direction home“ also nicht nur als Dokumentation, auch die Präsentation im Doppel-DVD Set ist durchweg überzeugend.

 

 

Last Update: 28.10.2005
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